Zeitseeing Projekte: Malerinnen und Maler in Brandenburg

 

stattbekannt 2015
Brandenburger Stadtansichten vom 19. Jahrhundert bis heute

Nach dreijähriger Vorbereitung konnten wir am 1. Juni 2015 unser bisher größtes Projekt, die Kunstschau „stattbekannt“ in Brandenburg an der Havel eröffnen. Von der Romantik über die Klassische Moderne, vom sozialistischen Realismus und deutschen Informel bis in die aktuelle Malerei spiegelten sich die Epochen der Kunst und die Epochen der Stadt. Über 100 private Leihgaben von Monaco bis Moskau, von Hamburg bis an den Lago Maggiore waren wieder an ihrem Entstehungsort vereint. Dazu kamen Leihgaben aus Berliner und Hallenser Museen, so dass sich für acht Monate ein Bestand an Kunstwerken ergab, wie sie wahrscheinlich nie wieder zusammen zu sehen sein werden.

Den Kern der außergewöhnlichen Sammlung bildeten die 31 Werke von Arnold Topp und Curt Ehrhardt, so dass der Expressionismus, genauer gesagt Topps Kubismus aus der Sturm-Galerie Herwarths von Walden und Ehrhardts anthroposophisch vergeistigte Farb- und Formenwelt mit dadaistischen Anklängen aus der Novembergruppe einen Schwerpunkt der Ausstellung darstellte. Dieser hob die gesamte Schau auf ein für ein regionales Museum sehr ungewöhnliches Qualitätsniveau, was vor allem im letzten Monat zu sehr hohen Besucherzahlen führte und die Stadt als Kunststandort überregional bekannt machte. Höhepunkt war die Serie der vier kubistischen Domansichten und des Brandenburger Rolands von Topp, die in dieser Ausstellung seit ihrer Entstehung 1918 zum ersten Mal wieder nebeneinander hingen.

Das älteste Bild stammte vom Zille-Lehrer Theodor Hosemann, sein vermutlich einziger Blick auf die Stadt von 1838. Eduard Gaertner, der begnadete preußische Architekturmaler, schuf zwischen 1868 und 1872 drei großformatige, nahezu identische Ansichten der spätgotischen Katharinenkirche, wobei das dritte sein letztes Werk vor seinem Tod ist. Nur die beiden letzteren sind erhalten und trafen hier aufeinander. Gertrud Körner, Schülerin von Skarbina, vertrat mit ihren impressionistischen Stadtlandschaften die Berliner Sezession und die Bewegung der „Malweiber“.

Rundgang durch die Ausstellung

Sowohl der sozialistische Realismus als auch andere Kunstströmungen aus der Zeit der DDR waren in den Werken von Hubert Globisch, Werner Gottsmann, Konrad Knebel, Peter Rohn, Emil Spiess und Günter Wermbter zu finden. Daneben traten die Bilder von nicht im Verband Bildender Künstler organisierten sogenannten Volkskünstlern und Kunstpädagogen wie Walter Garski, Jürgen Lutzens, Wilfried Schwarz, Horst Wall und Gerhard Wolf, so dass sich hier aus dem Eigenbestand des städtischen Museums bereits ein beachtlicher Fundus für die ganze Bandbreite dieser Epoche ergab. Parallel dazu vertrat der aus Brandenburg stammende, später dem Hofheimer Kreis angehörende Günter Schulz-Ihlefeldt die sogenannten Gegenstandslosen (Informel) aus Westdeutschland.

Über die politische Wende 1989/90 kamen weitere Malerinnen und Maler hinzu wie Thomas Bartel, Jan Beumelburg, Jutta Pelz und Viktor Stricker, die als Hiesige, Zugezogene und Durchreisende bis heute nach weiteren 25 Jahren die aktuelle Kunst in der Stadt geprägt haben und noch prägen.

Die Bilder dieser beeindruckenden Ausstellung waren auf zehn Themenräume verteilt, die mit Begriffspaaren gekennzeichnet waren. „Kunst Arbeit“, „Blick Winkel“, „Ernst und Spiel“, „Schüler Lehrer“, „Stadt Menschen“, „Stadt Bausteine“, „Zeiten Wechsel“, „Stadt im Fluss“, „Ausblick Einblick“ und „Faszination Variation“ spiegelten unterschiedliche Lebensbereiche, Sichtweisen und Erfahrungsebenen in der Stadt, die ihre Manifestation in den Bildern fand. Sie zeigten, wie in 150 Jahren diese Aspekte und Themen in verschiedenen Epochen von den jeweiligen künstlerischen Strömungen beeinflusst von Künstlern gesehen und verarbeitet wurden. In Anerkennung an die zeitweise Rückkehr international bedeutender Werke an den Ort ihrer Entstehung hatte der deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen.

Bilder einer Ausstellung

Das bis dahin als Stadtmuseum genutzte Frey-Haus, ein barockes Stadtpalais von 1723, wurde hierfür komplett umgestaltet: Die Dauerausstellung wurde abgebaut, alle Räume wurden grau gefasst, Ausstellungswände eingefügt und eine Medienstation aufgebaut. Hier zeigten wir eine Fotodokumentation mit Stadteindrücken der Berliner Fotografin Merit Schambach, die diese 1995 als Kunstprojekt geschaffen hatte und für die sie später ausgezeichnet wurde. Das zweite Projekt der Medienstation hatte Matti Matthes entwickelt. Er fotografierte die Orte, die er als Bildmotive fand, in der Originalperspektive heute und ließ Foto und Gemälde ineinander übergehen, so dass die Betrachter sowohl einen historischen Vergleich hatten als auch nachvollziehen konnten, wie die Künstler ihre Motive jenseits der Wirklichkeit für ihr jeweiliges Bild neu angelegt hatten.

Dann wurden auf 300 m² über 160 Bilder von mehr als 40 Brandenburger Malerinnen und Malern gehängt, die in den zehn Themenräumen die Kunst in der Stadt aus den letzten beiden Jahrhunderten zeigten. Zur Ausstellung hatten wir einen anspruchsvollen Katalog erstellt, der sowohl alle Exponate im Bild als auch die Texte der Themenräume umfasst. Aufsätze zu den wichtigsten Künstlern, zur städtischen Kunstsammlung und Künstlerbiografien vervollständigen ihn. Matti Matthes schuf mit ZEITseeing die Webseite zu „stattbekannt“, die nicht mit Ablauf der Ausstellung beendet wird, sondern dauerhaft von ihm weiter gepflegt und ausgebaut wird. Sie soll einerseits die Erinnerung an diese ungewöhnliche Kunstschau in der Stadt wachhalten, andererseits aber auch als zukünftiges Forum zur Kunst in der Stadt dienen, weitere Ideen hervorrufen und auch weitere Ausstellungen initiieren.

Ein umfangreiches Begleitprogramm griff vor allem Themen um den Komplex Topp und Ehrhardt auf: Rainer Enders und Peter Arlt hielten Vorträge zu den beiden Malern, einige Veranstaltungen konnten wir sogar im Originalatelier von Arnold Topp durchzuführen und das Atelier einer interessierten Öffentlichkeit zeigen, bevor es wieder vermietet wurde. Mit zwei großen Themenabenden weihten wir danach das Gotische Haus ein, dem heutigen Sitz der Kulturverwaltung: Wir führten dem vollbesetzten Saal die Rekonstruktion einer Sturmausstellung von 1915 hier in Brandenburg vor, in der Topp und Walden zahlreiche Bilder von Franz Marc und Gabriele Münter gezeigt hatten. Der zweite Abend widmete sich dem Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von 1919/20, für dessen Kulisse Topps Bilder Pate standen und den weltweiten Einfluss zeigten, den dieser Meister des deutschen Expressionismus seinerzeit hatte. Der Brandenburger Kunstpädagoge Armin Schubert griff die Hosemann-Bilder auf und führte mit seinen „Bücher-Kindern“ ein Projekt zum Leben des Berliner Malers durch. Jutta Pelz, die Vorsitzende des Brandenburgischen Verbandes Bildender KünstlerInnen, nutzte die Gelegenheit der Ausstellung für ihr außerschulisches Bildungsangebot „Schüler führen Schüler“. Wir als Kuratoren boten ein regelmäßiges Programm mit verschiedenen thematischen Führungen, u.a. zum Expressionismus, zu Kunstpositionen in der DDR und zur Gegenwartskunst an, welches sich steigender Beliebtheit erfreute. Das Interesse der Besucher war riesengroß und die Resonanz überwältigend.

Während der achtmonatigen Laufzeit von „stattbekannt“ in Brandenburg an der Havel fanden parallel Ausstellungen in Potsdam und Berlin statt wie „Stadtbild / Kunstraum – Urbane Visionen aus 40 Jahren DDR“, die „Im/Ex“ und „Zeitenwende – von der Berliner Secession zur Novembergruppe“, die alle die Kunst des 20. Jahrhunderts zum Thema hatten. Die Kunstschau „stattbekannt“ brachte Kulturtourismus in die Stadt, machte Brandenburg als Kunststandort v.a. in Berlin bekannter und rief der eigenen Bevölkerung Brandenburgs Bedeutung in der Bildenden Kunst in Erinnerung.

statt bekannt - Brandenburger Malerinnen und Maler

Das Plakat (© Undine Damus-Holtmann 2015)


www.stattbekannt.de


Hören Sie hier einen rbb-Hörfunk-Beitrag von Maria Ossowski:


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