Zeitseeing Projekte Das Tor zur Welt

 

Carolinensiel - Das Tor zur Welt
Sonderausstellung 2017 im Deutschen Sielhafenmuseum

Mobilität in Ostfriesland, unter diesem Motto startet die Museumssaison 2017 an der Nordseeküste. Das klingt nach überfüllten Autobahnen und nach viel Pendlerverkehr. Oder gab es das früher auch schon?

Am 1. April 2017 war es endlich soweit – Im völlig überfüllten Gemeindesaal in Carolinensiel eröffnete Wirtschaftsminister Olaf Lies die laut Museumsleiterin Dr. Heike Ritter-Eden „größte Sonderausstellung seit Bestehen des Sielhafenmuseums 1984“. Die diesjährige Ausstellung trage ihren Namen zu Recht, betonte Lies. Ostfriesland sei nicht nur in der Vergangenheit das Tor zur Welt gewesen, sondern sei es auch heute noch. Jade-Weser-Port und boomender Tourismus weisen in die Zukunft, man könne und solle aber auch mit Stolz in die Vergangenheit zurückblicken, in der in den Sielorten wie Carolinensiel Beispielhaftes geleistet worden sei. Er danke dem Museum und den Kuratoren für die Ausstellung, die diese historische Leistung in hoher Qualität würdige.

Mobilität in Ostfriesland, unter diesem Motto stehen die Ausstellungen der Museen in der Saison 2017 an der Nordseeküste. Das klingt nach überfüllten Autobahnen und nach viel Pendlerverkehr. Das gab es früher auch schon, nur nicht auf den Straßen, sondern auf See. Mobilität war die Grundvoraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung.

ZEITseeing hat für das Deutsche Sielhafenmuseum dazu die Sonderausstellung Carolinensiel - Das Tor zur Welt realisiert. Der Titel klingt zwar eher nach Hamburg, aber eine ähnliche regionale Rolle spielte Carolinensiel vor 150 Jahren. Es war der größte und schiffsreichste Sielhafen zwischen Ems- und Wesermündung, auf seinen Werften wurden in der Blütezeit im 19. Jahrhundert 53 Segelschiffe gebaut. Für das gesamte nördliche Ostfriesland war der Ort das Tor zur Welt. Aus dem Hafen kommend, passierten die Schiffe noch die Friedrichsschleuse, dann fuhr die Mannschaft durch das flache Wattenmeer auf die offene See. Im Ort zurück blieben ihre Familien.

Blick in die Ausstellung

Carolinensiel war zwar nur ein Dorf, in seinem Erscheinungsbild und dem lebhaften Treiben um die Schiffe jedoch einer kleinen Hafenstadt ähnlich. Entlang der Harle am Pumphusen, auf der Deichkrone an der Mühlenstraße und natürlich um das Hafenbecken gruppierten sich die bürgerlich wirkenden Häuser und zeigten ihre Schmuckgiebel. Kaufleute, Werftbesitzer und Kapitäne stellten die Oberschicht, die mit dem Aufblühen der Handelsschifffahrt zu erheblichem Wohlstand kam. Die Kapitäne und Steuerleute, selbst der kleinste Schiffsjunge fühlten sich den Bauern und Handwerkern im Ort überlegen, weil sie die Welt gesehen, aber auch große Gefahren überstanden hatten.

Die Segelschiffe kreuzten das ganze Jahr über von einem Hafen Europas zum anderen, ohne Carolinensiel zwischendurch anzufahren. Erst im Spätherbst kamen sie nach Hause ins Winterquartier zurück. Sie brachten Waren, Souvenirs und viele Geschichten aus der Ferne mit, was das Leben im Ort prägte. Die Wohnstuben der Fahrensleute waren ausstaffiert mit Erinnerungen an die Seefahrt, und in den Kneipen saßen die Männer und erzählten von Orten, deren Namen die anderen im Zweifel nicht einmal kannten.

Grundlage der Ausstellung ist der Roman Windiger Siel von Marie Ulfers. Die Tochter eines Kapitäns führt darin das Leben der Sielbewohner von damals anschaulich vor Augen und stützt sich dabei auf Geschichten, die in ihrer eigenen Familie erzählt wurden. Es sind Marie Ulfers Vorfahren, Verwandte und Nachbarn, deren Geschichte und Geschichten als literarische Figuren im Roman auftreten und die auch in der Ausstellung wieder lebendig werden. „Windiger Siel“ ist aber auch eine alte Bezeichnung für Carolinensiel, den die eher bodenständigen Bauern aus der Umgebung verwendeten. Er zielte nicht nur auf den ständigen Wind, sondern auch auf die nach ihrer Meinung windigen Sitten der Seeleute, die diese aus der Fremde mitgebracht hatten.

An Land und auf See – zwischen diesen Polen spielte sich das Leben im Sielhafen ab. An Land und auf See – das Leben in diesen zwei Welten wird auch in der Ausstellung einander gegenüber gestellt. Das Sieltor bildet die Grenze zwischen diesen beiden Welten. Am Sieltor standen die Menschen auf der Schwelle, sie konnten über die See zum Horizont blicken, hinter dem die Welt lag. Sie konnten auf der anderen Seite zum Ort schauen, wo ihr Zuhause war.

An Land begegnen die Besucher/Innen der „Queen“ unter dem pendelnden Uhrschiff. Silber, englisches Steingut und Goldschmuck zeugen von einstiger Pracht in den Kapitänshaushalten. Die Spuren der fremden Kulturen in den Häusern der Sielhäfen werden sichtbar, die Menschen an der Nordseeküste in ihrem stolzen Selbstverständnis treten auf in ihrer hochbürgerlichen Tracht, mit ihren Statussymbolen und ihren Bräuchen wie der Kramvisite und dem Teezeremoniell.

Vor dem Auslaufen werden die Schiffe im Heimathafen befrachtet, Proviant, Ersatzstücke für Reparaturen auf See und erste Fracht liegen am Kai. Dann geht es auf See. Die Besucher/Innen entdecken fremde Häfen, sie kreuzen durch ganz Europa über die Ostsee, die Nordsee und den Atlantik bis in das Mittelmeer. Wer kennt die Herkunft der berühmten „Kapitänsbilder“? Mitbringsel wie Goldpötte aus England oder die sogenannten „Fesuffen“ aus Neapel warten auf Käufer, bei allen Fahrensleuten standen die berühmten Hundefiguren zuhause im Schrank. Strandungen waren Katastrophen für die Betroffenen und Angehörigen, es dauerte lange, bis endlich Rettungsstationen an den Küsten eingerichtet wurden. Das verauktionierte Strandgut aber war für viele eine willkommene Versorgungsmöglichkeit. Die See nimmt, die See gibt, diese Devise galt allgemein an der Küste.

Das Ende der Segelschifffahrt um 1900 bedeutete auch das Ende vom „Tor zur Welt“. Als ihnen innerhalb weniger Jahre ihre Existenzgrundlage wegbrach, mussten sich die Kapitäne und ihre Familien umorientieren. Viele gingen in die Fischerei, der Bädertourismus bot neuen Verdienst. Einige fuhren auch für fremde Reedereien und wechselten auf die neuen Dampfschiffe. Lange noch hielten sich alte Sitten und Lebensformen, die Erinnerung an den europaweiten Seehandel auf eigenen Seglern blieb auch in der folgenden Generation wach. So erschien 1949 „Windiger Siel“ als literarisches Denkmal für den Wagemut und die Weltoffenheit einer kleinen Schicht von Schifferfamilien an der Küste 100 Jahre vorher. Marie Ulfers‘ Mutter brachte es auf den Punkt: „Reich waren wir nicht, aber vornehm.“ Die Besucher/Innen werden am Ende von Kapitän Ulfers verabschiedet, der sie vielleicht mitnimmt auf eine Tour zu den Seehunden.

Plakat zur Ausstellung

Das Plakat zur Ausstellung "Das Tor zur Welt"


Der Flyer zur Ausstellung zum Herunterladen »»»


Hören Sie hier einen Hörfunk-Beitrag von Jutta Przygoda:


Zurück